25-jähriges Bestehen

Ressourcenschutz bei mineralischen Sekundärrohstoffen aus Sicht der Wirtschaft

Dr. Tilmann Quensell

Dr. Tilmann Quensell

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren!

Das Hanseatische Schlackenkontor haben wir vor 25 Jahren ins Leben gerufen. Als Geschäftsführer der Schlackenhandel Stellingen GmbH, die ein Gesellschafter des HSK ist, war ich damals aktiv an der Gründung des HSK beteiligt. Zusammen mit dem leider bereits verstorbenen Carsten Buhck, dessen Unternehmen Gesellschafter im Schlackenvertrieb Hamburg GmbH ist, die wiederum ebenfalls Gesellschafterin des HSK ist, sind wir damals zusammen nach Berlin gereist, um beim Bundeskartellamt ein konzentratives Kartell anzumelden. Vor 25 Jahren saß die Regierung in Bonn und das Bundeskartellamt in Berlin. Heute ist das umgekehrt. Das HSK wurde damals als Gemeinschaftsunternehmen von den Produzenten, d. h. den Müllverbrennungsanlagen in Hamburg und den Firmen, die maßgeblich mineralische Sekundärbaustoffe wieder einbauen, gegründet. Die Zusammensetzung des heutigen HSK ist leicht verändert, aber im Prinzip ist es immer noch ein Zusammenschluss der schlackeproduzierenden Seite und der Firmen, die im Wesentlichen Schlacke in Hamburg und den umliegenden Bundesländern wieder einbauen und damit in den Wirtschaftskreislauf integrieren.

Mineralische Sekundärbaustoffe oder auch Ersatzbaustoffe entstehen beim Abbruch von Gebäuden, beim Rückbau von Straßen oder bei der Verbrennung von Haus-, Gewerbe- und Sperrmüll. Bei all diesen Stoffen handelt es sich um Abfälle. Das Ziel eines Abbruch- oder Rückbauvorhabens oder einer Verbrennung von Abfall oder Müll ist nicht, einen Sekundärbaustoff zu erzeugen, sondern sich des alten Gebäudes, der alten Straße oder des Hausmülls zu entledigen. Durch die Aufbereitung dieser Abfälle in Müllverbrennungs- oder Recyclinganlagen können bestimmte Fraktionen wie z. B. die große mineralische Abfallfraktion einer Wiederverwertung zugeführt werden. Besonders vor dem Hintergrund einer zunehmenden Knappheit an Deponiekapazität auf der einen Seite und andererseits einem großen Erneuerungsbedarf von Gebäuden, Straßen, Brücken und anderen baulichen Anlagen, die im Zeitablauf zwangsläufig in die Jahre kommen, muss es das oberste Gebot sein, einen möglichst hohen Anteil dieser Abfälle dem Wirtschaftskreislauf wieder zuzuführen. Aus diesem Grunde hat man auch Mitte/Ende der 90er Jahre die Kreislaufwirtschaft bei Abfällen gesetzlich verankert. Da ich nun schon über 25 Jahre in der Entsorgung tätig bin und die Entwicklung bei den Ersatzbaustoffen, insbesondere auch bei der Schlacke, in diesen Jahren mitverfolgen durfte, muss ich feststellen, dass sich bezüglich der Akzeptanz gegenüber dem Recycling dieser Stoffe einiges geändert hat.

Als wir das HSK gegründet haben, war noch keine Rede von einer Ersatzbaustoffverordnung. Gerade in den 90er Jahre erlebten das Recyceln von mineralischen Abfällen und die Aufbereitung der Schlacken zu einem Baustoff einen absoluten Boom. Dieser gipfelte dann – wie gesagt – im Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetz Ende der 90er Jahre. Die Stimme der Grünen wurde immer lauter mit dem Ruf nach Wiederverwertung von Abfällen und Ressourcenschutz. Dies begann bereits in den 80er Jahren. In den 90er Jahren war es in allen Parteien und auch in allen öffentlichen Einrichtungen, die über Bauvorhaben zu entscheiden hatten, wie auch bei privaten Bauunternehmen oder Bauherren, selbstverständlich, dass möglichst häufig ein Sekundärbaustoff eingesetzt wurde. Es gab noch keine Deponieknappheit. Trotzdem war der Wille da, natürliche Ressourcen zu schonen und so weit wie möglich diese Sekundärbaustoffe einzusetzen. So brachten wir in den 25 Jahren um die 5 Mio. Tonnen Schlacke in unzähligen Bauvorhaben unter. Wir haben Einbaubedin- gungen formuliert, die bis heute sicherstellen, dass beim Einbau der Schlacke keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt zu befürchten sind. Darüber hinaus haben wir zur Sicherheit für den Bauherren eine Rücknahmegarantie formuliert. Die Rücknahmegarantie ist verbunden mit einem Einbaukataster, sodass immer nachvollzogen werden kann, wo von wem Schlacke eingebaut wurde. Dies ermöglicht den Bauherren bei einem Rückbau auch nach vielen Jahren, die Schlacke wieder dem HSK anzudienen. Selbstverständlich wird durch die Müllverbrennungsanlagen sichergestellt, dass die Schlacke eine bauphysikalische und chemisch-analytische Qualität erfüllt, die regelmäßig kontrolliert wird. Zusätzlich zu den genannten Maßnahmen gewährleistet dies einen sicheren Umgang mit der Schlacke und die umweltfreundliche Nutzung der Schlacke als Sekundärbaustoff.

Leider stelle ich fest, dass diese von uns damals formulierten Rahmenbedingungen heute kaum noch ausreichen, um die Akzeptanz der Schlacke sowohl bei öffentli- chen als auch bei privaten Bauherren zu gewährleisten. Seit einigen Jahren gibt es aus meiner Sicht eine zunehmende Skepsis gegenüber dem Einsatz von Sekun- därbaustoffen. Das, was früher einmal regelrecht schick war und als modern und umweltfreundlich angesehen wurde – nämlich statt auf Naturbaustoffe eher auf Sekundärbaustoffe zurückzugreifen, ist in den letzten Jahren einer übersteigerten Bedenkenträgerei und Skepsis gewichen. Das Schlimme dabei ist, dass m. E. diese Entwicklung noch gar nicht abgeschlossen ist. Immer häufiger werden Ersatzbaustoffe, Schlacken oder andere Sekundärbaustoffe wie Bauschutt oder Betonrecycling, obwohl es analytisch und bauphysikalisch unbedenklich ist, kategorisch abgelehnt. Auch bei öffentlichen Bauträgern wird oft von vornherein abgelehnt, Schlacken oder andere Ersatzbaustoffe in die Ausschreibung aufzunehmen.

Es stellt sich die Frage: Woher kommt diese Entwicklung? Ich glaube, dass zum ei- nen diese jetzt schon über 14 Jahre währende, unsägliche Diskussion zur Ersatz- baustoff- oder Mantelverordnung dafür gesorgt hat, dass diese große Skepsis gegenüber dem Einsatz von Sekundärbaustoffen entstanden ist. Wenn das Umweltministerium mit Vertretern aus der Wirtschaft, aus den Ländern und mit Ingenieur- und Beratungsbüros 14 Jahre lang in verschiedenster Form immer wieder die Probleme des Ersatzbaustoffeinsatzes und die möglichen negativen Folgen diskutiert, entsteht zwangsläufig ein negatives Bild im Zusammenhang mit dem Einsatz dieser Stoffe. Es wurde in dem Rahmen nie darüber gesprochen, welche Vorteile durch den Einsatz von Sekundärbaustoffen entstehen. Es wurden immer nur mögliche negative Folgen diskutiert. Wie muss Grundwasser, Boden usw. geschützt werden vor diesen problematischen Stoffen. Eine über 15 Jahre währende Negativ-Diskussion mit allen Stellen, die mit der Bauwirtschaft zu tun haben, muss sich zwangsläufig negativ auf das Bewusstsein der in diesem Geschäftsfeld Beteiligten auswirken. Das heißt das ehemals positive Bewusstsein der Menschen „Der Einsatz von Recyclingbaustoff ist etwas Gutes, weil er natürliche Ressourcen spart“ hat sich im Laufe der letzten 15 Jahre gewandelt. Heute denkt man, der Einsatz von Sekundärbaustoffen ist mit negativen Folgen für Grundwasser und Boden verbunden.

Auf der anderen Seite muss ich fairerweise zugeben, dass die Entsorgungswirtschaft getragen von dem anfänglichen Hype, dass die Recyclingbaustoffe begehrt und gut angesehen waren, viel zu oft schlechte Qualitäten geliefert hat. Diese Abfälle wurden, um Kosten zu sparen, häufig schlecht aufbereitet. Es wurden immer wieder Sekundärbaustoffe auf Baustellen geliefert, die einen zu hohen Anteil von Fremdstoffen hatten und damit die Qualitätskriterien an einen Baustoff nicht mehr annäherungsweise erfüllt haben. Damit wurde die Akzeptanz dieser Materialien zusätzlich geschädigt. Auch bei der Schlacke muss die Qualitätssicherung garantiert sein. Ein schlechter Ausbrand im Müllverbrennungsofen führt zur Minderung der Schlackenqualität bis hin zu nicht akzeptablen Fremdbestandteilen in dem Baustoff Schlacke.

Jedem Erzeuger von Sekundärbaustoffen muss klar sein, dass er nur mit Naturbaustoffen konkurrieren kann, wenn er eine definierte garantierte, gleichbleibende Qualität liefert, die den bauphysikalischen und chemisch-analytischen Ansprüchen standhält. Auch die Naturbaustoffe unterliegen einer Qualitätsprüfung nach den jeweiligen technischen Lieferbedingungen, die klar definiert sind. Gleiches muss natürlich auch für Sekundärbaustoffe gelten. Fairerweise muss erwähnt werden, dass Naturbaustoffe im Vergleich zu Ersatzbaustoffen lange nicht so umfassend untersucht werden.

Darüber hinaus hat die BUE Hamburg ihr Engagement bei den Themen Entsorgung und Recycling deutlich zurückgefahren. Früher gab es nur die Umweltbehörde und damit einen klaren Fokus auf die Themen der Entsorgungs- und Recyclingwirtschaft. Politisch sind heute Stadtentwicklungs- und Energiewirtschaftsthemen interessanter. Aus meiner Sicht braucht gerade der Einsatz von Ersatzbaustoffen wieder mehr Rückendeckung der Behörde und der politischen Entscheidungsträger!

Aber – nun haben wir „den Salat“: Die geschilderte Diskussion um die Ersatzbaustoff-Verordnung genauso wie die schwankenden und teilweise schlechten Qualitäten bei der Lieferung von Sekundärbaustoffen haben zu erheblichen Absatzschwierigkeiten geführt. Heute sind wir damit konfrontiert, dass bei einem steigenden Angebot von Sekundärbaustoffen und einem gleichzeitig knapper werdenden Angebot an Deponieraum die Nachfrage nach Sekundärbaustoffen dramatisch sinkt. Dies liegt wie beschrieben nicht an fehlenden Bauvorhaben, sondern an der mangelnden Akzeptanz. Hier ist dringender Handlungsbedarf geboten! Für die Schlacken gilt auch, dass das Aufkommen von Abfällen, die in Müllverbrennungsanlagen entsorgt werden, eher steigt. Es gehen keine Kunststoffabfälle mehr nach China und immer weniger nach Asien. Die durch Zuwanderung höheren Einwohnerzahlen lassen die Abfallmengen zusätzlich steigen. Auch bei den Schlacken ist nicht damit zu rechnen, dass das Aufkommen rückläufig sein wird. Irgendwo müssen diese Materialien hin. Wir können nicht auf Dauer unsere Abfälle ins Ausland exportieren und hoffen, dass wir dort Deponien und Verbrennungskapazität finden. Hier am Standort Deutschland wird es immer schwieriger, Abfallanlagen genehmigt zu bekommen. Vor allem die Akzeptanz der Bevölkerung dafür lässt stark zu wünschen übrig. Die „not-in-my- backyard“-Mentalität ist gerade in diesen Genehmigungsverfahren immer wieder deutlich zu spüren. Die Lösung kann nur heißen: Wir müssen wieder die Akzeptanz erzeugen, dass Sekundärbaustoffe gut sind. Und – sie sind gut! Die Rahmenbedingungen, die ich z. B. bei der Schlacke genannt habe (Einbaukataster, Rücknahme- verpflichtung, Einbauvorschriften, kontinuierliche Kontrolle der Produkte beim Erzeuger), gewährleisten, dass dieser Stoff problemlos eingesetzt werden kann. Daher wollen wir mit dieser Veranstaltung die Behörde und die Politik genauso wie die privaten und gewerblichen Bauherren aufrufen, Schlacke und andere Sekundärbaustoffe als ordentlichen Baustoff zu akzeptieren, nachzufragen und zu fördern! Nur so kann Hamburg weiter wachsen! Nur so können die Baukosten einigermaßen kalkulierbar gehalten werden.

Dr. Tilmann Quensell
OTTO DÖRNER Kies und Deponien GmbH & Co. KG

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